ALTE RITUALE FÜR MODERNE MENSCHEN

Alte Rituale für moderne Menschen -
im Zeitalter des Internet?

Dies scheint in unserer schnellebigen Zeit ein fast unvereinbarer Gegensatz zu sein. Und doch besteht unser Leben nicht nur aus "Fun", Erfolg, Effizienz oder schneller Kommunikation - auch wenn uns das der Zeitgeist stets vorbeten will. Wir brauchen auch Langsamkeit, Stille und Besinnung auf unsere Wurzeln, um in einer gesunden Balance zu leben. Rituale dienen dazu Halte- und Ankerpunkte im alltäglichen Tun zu setzen, um Innezuhalten, nachzuschauen und über den Moment zu reflektieren, um Kraft zu schöpfen für ein "Weitergehen" und um vor allem die Klarheit zu erlangen, in welche Richtung es weitergeht.

Die Visionssuche ist ein Ritual, das bereits vor vielen Jahrtausenden in nahezu allen Kulturen unserer Welt beheimatet war und in archetypischen Kulturen auch heute noch Bestandteil jeder Gemeinschaft ist. Auch in den frühzeitlichen europäischen Kulturen kannte man Formen der Visionssuche. Dieses folgende keltische Gedicht von Odins Runenerwerbung beschreibt in Ansätzen einen Visionssuchezyklus. 

”Ich weiß, dass ich hing
am windigen Baum
neuen Nächte lang,
mit dem Ger verwundet,
geweiht dem Odin,
ich mir selbst,
an jenem Baum,
da jedem fremd,
aus welcher Wurzel er wächst.
Sie spendeten mir
nicht Speise noch Trank;
nieder neigt ich mich,
nahm auf die Runen,
nahm sie fragend auf;
nieder dann neigt ich mich.”

Neun Nächte lang hing er "im windigen (Welten)baum" Yggdrasil (in der Wildnis der Natur) und hatte weder "Speise noch Trank" (Fasten), "nahm auf die Runen, nahm sie fragend auf" (erhielt die Antworten auf die vielen Fragen im Leben).

In vielen anderen Kulturen findet man ähnliche Beschreibungen dieser Art von "Heldenreise".

So gibt es auch viele Beispiele in der Bibel: Jesus ging 40 Tage fastend in die Wüste, Moses empfing die 10 Gebote während einer "Vision" auf dem heiligen Berg, Jakob kämpfte in der Einsamkeit mit dem Engel.

Auch in heutigen Hollywood-Streifen à la "Terminator", "Top Gun" oder "Rocky" wird nichts anderes reproduziert als der Held, der auszieht um sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Diese Filme genießen u.a. deshalb eine so hohe Attraktivität - vor allem bei männlichen Jugendlichen und Männern - weil der Held in diesen Geschichten eine Art "Initiation" erfährt - eine unbewusste Sehnsucht, die in unserer Kultur nicht erfüllt wird.

Das Ritual der Visionssuche wurde vor ca. 30 Jahren von Dr. Steven Foster und Meredith Little, zwei amerikanischen Psychologen und „Wilderness-Guides“ wieder entdeckt und unserer westlich-industriellen Kultur angepasst.

Diese moderne Form der Visionssuche bietet eine Möglichkeit uns wieder mit der uralten Lebensweisheit und Wahrheit zu verbinden, in einem für unsere Zeit angemessenen Ritual.

Warum sollte ich vier Tage und Nächte alleine und fastend in der Wildnis verbringen?

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